Quellennachweis: BIG Vereinszeitschrift "geboren" • Heft 50
Author: Rechtsanwalt Lothar Dohrn • HAMBURG Winterhude • Poelchaukamp 2 • 22301 Hamburg

Wieder einmal - "Reizthema Geburtshaus"

In einem von mir vor Gericht vertretenen Fall ging es um die Frage, ob die allein verantwortliche Hebamme bei der Geburtsvorbereitung und Durchfiihrung der Geburt des später erheblich geschädigten Kindes schwere fachliche Fehler vorzuwerfen waren. Nach Abbruch der Geburt im Geburtshaus wegen Geburtsstillstands und pathologischen kindlichen Herztönen war eine notfallmäßige Verlegung in die Geburtsklinik erforderlich. Bei der Geburt des Kindes kam es zu einer Schädigung seines Gehirns im Sinne einer sog. hypoxisch-ischämischen Enzephalopathie durch Sauerstoffmangel.

Der gerichtliche Gutachter hat die diesseits erhobenen Vorwürfe in jeder Hinsicht bestätigt und erklärt, dass wegen der eindeutigen Risikokonstellation eine frühzeitige Vorstellung in einer Geburtsklinik, die personell und technisch auf die erhöhten Anforderungen einer Risikogeburtshilfe eingerichtet gewesen wäre, hätte erfolgen müssen. Dies ergab sich aus folgenden Fakten:

- Es handelte sich entsprechend der gültigen Mutterschafts-Richtlinien um eine Risikoschwangerschaft, die sich schon aus den Dokumentationen über die Vorsorgeuntersuchung ergaben,
•nämlich Z. n. Zangengeburt 1999, Geburtsgewicht 4.010 g
•Ausgeprägte Adipositas (100 kg am Ende der Schwangerschaft)
•Grenzwertig erhöhter Blutdruck ab der 40 SSW bis zu 150/95
•Fehlende sonographische Gewichtsschätzung gegen Ende der Schwangerschaft
•Überschreitung des Geburtstermins um 14 Tage im Sinne einer Übertragung.

Risikoschwangerschaften sind Schwangerschaften, bei denen auf grund der Vorgeschichte und erhobener Befunde mit einem erhöhten Risiko für Leben und Gesundheit der Mutter oder Kind zu rechnen ist. Der Sachverständige bemerkte ausdrücklich, dass die Entscheidung der Hebamme (auch der Kindeseltern), die Vorsorgeuntersuchung in der Schwangerschaft ohne fachärztliche Beratung durchzuführen, unter Berücksichtigung der vorliegenden Risikofaktoren unverantwortlich gewesen sei.

Spätestens mit Erreichen des Geburtstermins sei jedenfalls fachärztlicher Rat hinzuzuziehen und die Patientin in einer geeigneten Geburtsklinik vorzustellen gewesen, um das weitere geburtsrichtige Vorgehen zu besprechen.

Die Entscheidung, die Geburt nach Überschreitung des Geburtstermines um 14 Tage und unter Berücksichtigung der weiteren Risikofaktoren in einem von Hebammen geleiteten Geburtshaus zu betreuen, verstoße in einem solchen Ausmaß gegen elementare medizinische Grundkenntnisse, dass dies aus medizinischer Sicht schlechterdings unverständlich sei. -

Fehlerhaft war weiterhin, dass sich die Hebamme bei der vitalen Gewichtsschätzung auf das Ergebnis der Tastuntersuchung im Sinne des sog. "Leopoldschen Handgriffes" verlassen hatte.

Wegen der bekannten Ungenauigkeit dieses Verfahrens bezüglich des tatsächlichen Geburtsgewichtes und wegen der vorliegenden Risikofaktoren (hier z. B. Adipositas der Mutter) hätte im vorliegenden Fall ergänzend eine sonographische Gewichtsschätzung am Termin vorgenommen werden müssen. Das Ergebnis der sonographischen Gewichtsschätzung hätte insbesondere ab einem Gewicht von hier 4.000 g bereits allein dazu geführt, der Patientin dringend von einer Geburt im Geburtshaus abzuraten. - Fehlerhaft war es auch, dass die Überwachung der kindlichen Herztöne im wesentlichen intermittierend durch Auskultation vorgenommen wurde. Angesichts der im vorliegenden Fall bekannten Risikokonstellation erforderte dies eine kontinuierliche Registrierung der kindlichen Herztöne (CTG).

Zusammenfassend kam der Gutachter zu dem Ergebnis, dass die festgestellten Fehler und Versäumnisse ursächlich für den beim Kind eingetretenen Schaden waren.

Erschwerend kam im vorliegenden Fall noch hinzu, dass sich auch die Geburtsklinik in diesem Fall nicht durch adäquate Leistungen hervorgetan hat, weil sie nach telefonischer Vorankündigung der Ankunft der Kindesmutter nicht den Kreißsaal - Notruf ausgerufen hatte. Aus diesem Grunde konnte die indizierte vaginal-operative Eingriff mittels Zange nur zeitverzögert durchgeführt werden. Die Frage, ob dieser Zeitverlust sich zusätzlich kausal auf die Schädigung des Kindes ausgewirkt hat, wird durch ein neonatologisches Gutachten zu klären sein. An dem Haftungsergebnis zu Lasten der Hebamme wird dies jedoch nichts ändern.

Leider haben sich im vorliegenden Fall wieder einmal die Vorbehalte gegen eine Geburt im "Geburtshaus" voll bestätigt.

Bei allem Verständnis fiir die Kindesmutter, ihr Kind in einer Umgebung der Geborgenheit und außerhalb der Hektik eines Kreissaals zu gebären, kann nicht außer Betracht bleiben, dass bei jeder Geburt unvorgesehene Komplikationen auftreten können, die Behandlungen in einer Geburtsklinik indizieren.

Tritt, wie im vorliegenden Fall, eine Komplikation - hier: Geburtsstillstand - ein, die einen vaginal-operativen Eingriff notwendig macht, spielt der Zeitfaktor (Verlegung und Alarmierung der Geburtsklinik) eine entscheidende Rolle.

Erfolgt der Eingriff nicht rechtzeitig genug, kann dies katastrophale Folgen haben. Meines Erachtens sollten Kindeseltern generell ein solches Risiko nicht eingehen und es auf einer derartige Konstellation ankommen lassen, da bei Eintritt des "Risiko-Ernstfalls" ein negativer Ausgang fast schon vorprogrammiert ist.

Quellennachweis: BIG Vereinszeitschrift "geboren" • Heft 50
Author: Rechtsanwalt Lothar Dohrn in HAMBURG Winterhude • Poelchaukamp 2 • 22301 Hamburg
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