Quellennachweis: BIG Vereinszeitschrift "geboren" • Heft 53
Author: Rechtsanwalt Jürgen Korioth • 53773 Hennef • www.korioth.de

OLG Düsseldorf, Urteil vom 18.07.2012, 1-8 U 54/12

Fehlerhafte Entwicklung der Schulterdystokie durch eine unerfahrene Ärztin

Im Fall des Oberlandesgerichtes handelte es sich um eine massive Schulterdystokie mit Plexusparese, die das Kind anlässlich der Geburt erlitten hat. Zu beurteilen war eine fehlerhafte Entwicklung der Schulterdystokie durch eine unerfahrene bzw. nicht hinreichend qualifizierte Ärztin. Diese Ärztin eröffnete um 19:42 Uhr am Geburtstag die Fruchtblase, aus der sich klares Fruchtwasser entleerte. Sie stellte sodann fest, dass die kindliche Arme nach oben geschlagen waren und führte ein Manöver zur Armlösung durch. Weil danach die Entwicklung des Kopfes nicht voranschritt, unternahm die Beklagte zu 3) den Versuch, die Entbindung durch Anwendung des Veit-Smellie-Handgriffs zu beschleunigen. Da dies nicht gelang, legte sie eine Episiotomie an und versuchte ein weiteres Mal vergeblich die Geburt durch Anwendung des Veit-Smellie-Handgriffs zu beenden. Dies gelang erst dem sodann erschienenen Chefarzt, der gegen 19:50 Uhr den Kopf des Klägers entwickelte. Unmittelbar nach der Entbindung war das Kind bläulich verfärbt und schlapp. Der pH Wert aus der Nabelschnurrarterie lag bei 7,18, Apgar von 0/5 und 7, nach 1, 5 und 10 Minuten wurden vergeben. Die Pädiater wurden hinzugezogen und versorgten das Kind nach der Geburt.

Erstinstanzlich wurde auch die Aufklärungsrüge erhoben, da nach dem geburtshilflichen Vorgang bei Beckenendlage des zweiten Zwillings die Alternative einer primären Sectio-Entbindung neben der Möglichkeit einer vaginaloperativen Entbindung gegeben war. Das OLG hat die Aufklärungsrüge nicht weiter beachtet und allein aufgrund massiver Behandlungsfehler das Urteil erster Instanz bestätigt. Nach dem das OLG zunächst festgestellt hat, dass die vaginale Entbindung des Klägers nach den Ausführungen des Sachverständigen grundsätzlich indiziert gewesen sei trotz des Umstandes, dass es sich um eine Zwillingsschwangerschaft, bei der sich beim zweiten Zwilling eine Beckenendlage eingestellte hatte, indiziert war. Eine Kontraindikation ergab sich ferner nicht aufgrund des Schwangerschaftsalters oder aufgrund des geschätzten Gewichts des Kindes. Das CTG sei unauffällig gewesen, so dass es nach der Geburt des ersten Zwillings trotz der bestehenden Fußlage der zweiten Leibesfrucht keine Veranlassung bestand, dass geburtshilfliche Konzept zu ändern. Allerdings sei die Entbindung des Klägers in zweierlei Hinsicht eine Hochrisikogeburt gewesen. Zum einen lag eine Zwillingsschwangerschaft vor, zum anderen befand sich der Kläger als zweiter Zwilling zunächst in einer Becken- und im weiteren Verlauf in einer Fußlage. Diese Konstellation erforderte nach den Ausführungen des Sachverständigen eine besondere Qualifikation des ärztlichen Geburtshelfers. Es sei eine besondere Erfahrung und Kompetenz gefragt gewesen, die nur von einem Ober- oder Chefarzt erwartet werden könne. Diesen Anforderungen habe die beklagte Ärztin nicht genügt, was sich bereits darin zeige, dass der beklagte Chefarzt sie angewiesen hatte, ihn vor der Geburt des zweiten Zwillings herbeizurufen. So war die Beklagte zu 3) nach ihrer Einlassung auch üblicherweise in der Klinik der Beklagten zu 1) mit Ausnahme von Notfällen stets unter der Aufsicht eines Oberarztes oder des Chefarztes tätig geworden. Entsprechend hat sie auch im vorliegenden Fall sofort die Durchführung der Entbindung den Beklagten zu 2) überlassen, nachdem dieser erschienen war. Die geburtshilfliche Tätigkeit der Beklagten zu 3) in ihrer Heimat Kasachstan in der Zeit zwischen 1981 und 1984 vermag eine ausreichende Expertise der Beklagten zu 3) für Hochrisikogeburten nicht zu begründen, da diese Tätigkeit zum einen sehr lange zurückliegt und zum anderen nach den Angaben des Sachverständigen den in Deutschland geltenden Qualitätsstandard nicht gewährleiste.

Bezüglich der Kausalität führt der Senat aus:

Der Einsatz eines Arztes, dem die erforderliche Qualifikation fehlt, indiziert, dass der Mangel an Erfahrung und Übung für später aufgetretene gesundheitliche Beeinträchtigungen ursächlich geworden ist. Dagegen obliegt der Beweis, dass der Schadenseintritt nicht auf fehlender Erfahrung und Übung des nicht ausreichend qualifizierten Arztes beruht, dem Arzt bzw. Krankenhausträger. Diesen Beweis haben die Beklagten nicht erbracht. Es spricht vielmehr alles dafür, dass eine Schädigung des Klägers unterblieben wäre, wenn ein ausreichend erfahrener und kompetenter Arzt die Behandlung durchgeführt hätte. Das Gericht hat ein Schmerzensgeld für die Plexusparese i. H. v. 75.000 € als angemessen angenommen. Hierbei hat der Senat berücksichtigt, dass nach den Ausführungen des Sachverständigen der den Kläger untersucht und die Berichte des behandelnden Arztes ausgewertet hat, bei beiden Armen des Klägers aufgrund der erfolgten Wurzelausrisse eine erhebliche irreversible Bewegungseinschränkung, links stärker als rechts festgestellt hat. Der Kläger ist damit bei einer Reihe von Alltagsfunktionen erheblich beeinträchtigt.

Die Gegenseite hat gegen dieses Urteil kein weiteres Rechtsmittel eingelegt, so dass das OLG-Urteil rechtskräftig ist.

Quellennachweis: BIG Vereinszeitschrift "geboren" • Heft 53
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